Hortus mare rosa

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  • Beitrag veröffentlicht:4. August 2019
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Samstag, 3. August 2019: Ich habe hier überhaupt kein Problem damit, dass Nachbarn oder Passanten sich über meine unmööögliche!!! Wildnis echauffieren. Mit lässiger Großzügigkeit und wissendem Lächeln winken sie ab, um im Brustton der Überzeugung zu verkünden: „Das wird schon noch. Man sieht ja, dass es noch eine Baustelle ist.“ – Fragt sich nur, wie lange das noch so weitergeht. Möglicherweise grabe ich mir mit dem schicken neuen Hortusschild am Zaun demnächst das Wasser des Wohlwollens ab, weil sie dann doch anfangen, stutzig zu werden. Das sollte ich vielleicht nochmal überdenken.
1260 qm Lebensraum: teilweise Räume mit Wänden (Haus, Garage, Schuppen, Gewächshaus) und im Winter beheizt (nur das Haus, vielleicht irgendwann auch ein frostfreies Gewächshaus zwecks Frühbeetersatz), teils Räume ohne Wände: frei, offen, mit ständig wechselnden Temperaturen, Wind… Das Ziel: Sich im Haus so frei und lebendig wie in einem Natur-Raum fühlen und im offenen Raum draussen so geborgen und privat wie sonst nur in Innenräumen. Innerhalb des Grundstücks offen fliessende Übergänge statt Grenzen. Draussen schlafen, inmitten der Fülle an nächtlichen Waldgeräuschen und gleichzeitig ist alles völlig vertraut – ich bin hier Zuhause, gehöre hierher, jetzt. Sich die Normalität des eigenen Natur-Seins zurück ins Leben holen, für die es früher noch keinen Raum, keinen eigenen Ort gab. – Aber jetzt.
„Innen“ und „aussen“, Haus und Garten, bilden einen gemeinsamen Lebensraum und entwickeln sich auch gemeinsam, im Wechsel, parallell.
Am Anfang war da ein völlig heruntergekommenes seit mehreren Jahren leerstehendes Haus und ein völlig verwaldetes Grundstück. Nachdem fast alles radikal entfernt war, was nicht mehr zukunftsfähig war, – war dieser 2 Meter breite Betonweg längst durch den Garten jemals „zukunftsfähig“? Ich hatte ja die starke Vermutung, da wollte jemand eine Durchgangsstrasse bauen und hat dann kurz vor dem steilen Abhang zu Donau runter noch gerade rechtzeitig festgestellt, dass das wohl nicht ganz hinhauen dürfte. Diese Vermutung wollte mir aber keiner im Ort so recht bestätigen oder dementieren.
Wie auch immer, jedenfalls habe ich hier recht gründlich aufgeräumt und dann standen nach 2 Monaten noch die blanken Wände vom Haus mitsamt Dach und draussen weitgehend blanke Erde bis fast zum Waldrand am Ende des Gartens. OMG.
Glücklicherweise hat mich das eimerweise Entmüllen von 1260 qm Fläche (was hat da jemand mit Rasierzeug, Tetrapackschnipseln und kilometerlangen Streifen von Wurstpelle am Ende des Gartens veranstaltet?!!!) und die Herausforderung mich als Frau allein unter Handwerkern durchsetzen zu müssen, um nicht gänzlich unterzugehen, derart ermüdet, dass ich nach diesen 3 Monaten Radikalkur und Kernsanierung erst mal 2 Jahre hauptsächlich geschlafen, gegessen, gelegentlich im Büro gearbeitet und ausgeruht habe.
Und das war das beste was mir und dem Grundstück passieren konnte: Der Garten ist regelrecht explodiert vor Lebendigkeit und Fülle. Zuvor war das einzige, was unter den Bäumen auf diesen 1260 qm noch gerade mal so eben geblüht hat: 1 Pfingstrose, 1 Stachelbeere, 1 Forsythie, 1 Weigelie und Efeu. Und dann – ich kann es ja gar nicht alles aufzählen: nicht nur diverse Johannisbeeren, Himbeeren, eine Quitte und Stachelbeeren aus dem ursprünglichen Hausgarten der 60er kamen ganz unvermutet ans Licht, sondern auch Ziest, Schlehdorn, 4 Arten von Weidenröschen (nicht das invasive drüsige :-), Waldmeister, Walderdbeeren natürlich, Mutterkraut, verschiedene Glockenblumen… unsdsoweiter, sowie eine Fülle von Pionierpflanzen, insbesondere auf der Schotterfläche, am Haus = Terrasse. Dann nochmal 2 Jahre in denen ich hauptsächlich rausgenommen und teils umgesetzt habe, was ich wirklich nicht haben wollte wo es war, und es kamen immer mehr verschiedenste Gewächse zum Vorschein. Huflattich breitet sich aus, Königskerzen mit über 2 Metern Höhe, Kompasslattich (lecker im Salat)…
Letztes Jahr dann: Gehölzpflanzungen insbes. Wiildobst (wie sieht es hier in 10–20–30–40 Jahren aus, wenn die neuen Bäume groß und anderes vielleicht nicht mehr da ist? Und Weiterentwicklung der Gestaltungskonzeption für Wege, Heckenbögen/-linien und Beetbereiche, im November noch mal eben ein Hochbeet gebaut.
Dieses Jahr: immer mehr Gemüsebeete, denn irgendwo müssen die diversen Samen und vorgezogenen Pflanzen ja untergebracht werden; Gewächshaus quillt über = über Ebay Kleinanzeigen noch zwei organisiert, Teich angelegt und nach 15 Minuten waren die ersten Wasserläufer da. Eine Erdkröte springt aus dem Kaukasus-Vergissmeinnicht, da haben wir uns beide ordentlich erschrocken… Begeisternd, was sich im Kleinen und Grünen so alles bewegt.
Aber was genau ist das da, mit dem ich diesen Lebensraum teile?
Für mich sensationell, aber nicht für Wikipedia: „Vorkommen: in Europa weit verbreitet“. Das hatte ich mir nach 4 Jahren Wildwuchsvielfalt doch etwas anders vorgestellt – und wo sind eigentlich diese kleinen roten Käfer mit den schwarzen Punkten, die unvergesslich zu meiner Kindheit gehört haben…???…
– Das muss ich ja jetzt hier nicht weiterführen, oder? Insgesamt würde ich mal sagen: Da geht noch was. Und zwar ne ganze Menge! Ich hoffe nur, die Stossdämpfer vom Polo halten durch. Ich sag schon immer gar nichts, wenn die Leute vorab erwähnen, ich solle am besten mit einem Anhänger kommen. Solange sie mich nicht gleich wieder wegschicken… Ein komplettes 8-qm-Glasgewächshaus mal eben zerlegen und einpacken? Wo soll da das Problem sein? Man muss ja nicht unbedingt damit über die Autobahn brettern. (Stattdessen hat der Navi eine Fahrradstrecke gewählt – immer diese winzigen Buttons. – Aber ich gehöre nunmal zu denen, die sich weigern, umzukehren. Schon allein, um sich selbst und das Navi nicht zu brüskieren. Ich bin wieder nach Hause kommen. Das reicht doch.)
Tonnenweise Natursteine? Ab 5 Schubkarren voll hab ich schon einen etwas längeren Bremsweg, OK, und auf der Rückfahrt sollte ich Strecken meiden, bei denen es zu steil bergauf geht, hab ich festgestellt. Jetzt packe ich nie mehr als 4 3/4 Schubkarren rein. Morgen mache ich wieder ein paar Touren. Derzeit hab ich eine richtig gute Baustellen-Quelle. Damit sollte es dann auch für die 2. Magerbeet-Trockenmauer reichen. Ich kann hier nämlich nicht einfach in die Tiefe buddeln und mit Schotterzeug auffüllen! Dazu müsste ich erst mal den Felsen sprengen auf dem ich lebe. Mutterboden abtragen geht bei mir größtenteils ziemlich fix: 20 cm und Fels=fertig. Daher hat sich seit dem Umschichten von Erde zur Terrassierung (leichte Hanglage) hinten im Garten ganz unerwartet ein richtiger Felsenweg ergeben! Schönster Weiss-Jura-Kalkstein!!! Das Obere Donautal eben… (Kann man hier nicht irgendwie eine Batterie Emoticon-Herzchen einfügen?)
Wie gesagt: Das grün-bunte Leben im mare rosa ist regelrecht explodiert und seither schiebe ich hier und da das pflanzliche Gefüge zurecht, nehme etwas weg, platziere es um, zupfe hier und ergänze dort. Weil überall schon irgendwie etwas ist (außer Rasen), muss immer etwas weg und woanders hin und sei es auf Kompost oder Reissighaufen. Jeder Handgriff ist interaktiv und bewegt wie eine Welle das Gesamtgefüge. Als ich neulich in Markus Gastls Buch vom 3-Zonen-Garten das Kapitel über die Verzahnung der 3 Zonen entdeckt habe, war ich peinlich irritiert: Bei mir gibt’s glaube ich irgendwie nur Verzahnungen…??? – Mach’ ich da jetzt was falsch oder „wird das noch“? – Schau’n wir mal… Vielleicht kommt mein Grundstück einfach aus der anderen Richtung zur stimmigen Balance von Struktur und Zähnchen.
38 Kubikmeter erdiger Kies vom Sockelaushub erweisen sich plötzlich nicht mehr als meterhoch aufgetürmtes Problem (das hätte damals vom Bagger gemacht werden sollen, aber – na ja das ist noch eine ganz eigene Geschichte, – lag aber nicht am Baggerfahrer, ausser dass der mir sein schickes Fahrzeug nicht nochmal leihweise vorbeigebracht hat. Dabei hab ich das Hantieren mit den netten Joysticks durchaus auf die Reihe bekommen und nix kaputt gemacht!). Trotz relativ hohem Lehm-Anteil erweist sich der Aushub als vermutlich recht brauchbare Grundlage für die Mischung des Magerbeet-Substrats!
Wer weiß ebenfalls, was es bedeutet, steinige 38 Kubikmeter, die sich in den Jahren seither gut gesetzt haben, ganz allein mit einer Hacke aufzulockern und per Schaufel und Schubkarre im Wildnis-Slalom quer durch 1260qm zum neuen Bestimmungsort zu transportieren? Ca. die Hälfte hab ich schon geschafft.
Insgesamt 12 große Bäume gefällt und jedes einzelne Stück davon 3 Mail in der Hand gehabt. – Fragt bitte nicht, wo die Wurzeln sind. Ein ganzer LKW voll. Ich hatte keine Ahnung, und auch sonst keiner, der hier war. Das was der größte Fehler von allen. Ich wusste damals weder was von Totholz als Lebensraum, der einzigartigen Schönheit dicker Wurzeln und dass sie auch deswegen so wertvoll und selten sind, weil kaum jemand sie nach dem Fällen rausholt. Und noch weniger wusste ich, dass ich auch viele meiner Möbel selber bauen wollen würde. Zum Weinen. Aber hilft nix. Vorbei. – Über die gesamte Fläche von 1260qm habe ich unter dickem Laub eine regelrecht flächendeckende Schicht aus Müll aller Art von Hand rausgeklaubt, Eimer für Eimer, cm für cm… Kaum ein Steinchen, kaum ein Krümel Erde, den ich hier noch nicht in der Hand hatte, all die Regenwürmer, die ich vorsichtig beiseite gelegt hab und über jeden einzelnen habe ich mich gefreut… Ein doch recht intensiver Weg, um selbst, als Mensch, zum Teil des eigenen, neuen Lebensraums zu werden. Aber das war es wert.

Der Boden hier und jeder einzelne Stein erzählt meine Geschichte. Und dabei bin ich noch ganz am Anfang.

P.s.: Die ehrliche Wahrheit: Das neueste Naturmodul im mare rosa ist so ein grauenhaft fürchterliches Hüpf-Ungetüm, das schicksalshafterweise bei Ebay-Kleinanzeigen-zu-verschenken nicht in einer separaten Rubrik erschien, sondern inmitten des wertvollsten Hortel-Materials wie Natursteinen und Strangfalzziegeln. Ich kann also nicht wirklich was dafür, dass ich das gesehen habe. Eine unaussprechliche Scheußlichkeit sonder gleichen, aber was tut man nicht alles, für die Gesunderhaltung der Natur seines Inneren Kindes. Ich hab das Ding ganz hinten im Garten zwischen den Bäumen versteckt, wo ich es vom Haus aus nicht sehen muss – und die Nachbarn mich beim Rumhüpfen besser auch nicht. Man kann auch ganz wunderbar weich auf so einem Trampolin schlafen! Also wem beim Übernachten auf Isomatten schnell die Nackensteife ereilt: so’n Ding passt wunderbar in jeden Polo und ist auch recht flott überall auf- und abgebaut. Hüpfen to go inkl. Deluxe-Übernachtung sozusagen. Nebenbei gewinnt man noch eine neue, dynamische Perspektive auf die umstehende Natur. Oben quer rüber noch ein Netz und schon ist es Moskito-sicher. Das müsste man dann aber besser vor der Morgengymnastik wieder entfernen, das Netz. Hier im Hortus mare rosa dient es derzeit vor allem der Muskellockerung zwischen Bürotätigkeit und Steineschleppen. – Gilt dieses Ungetüm nicht irgendwie auch als Element zur Verzahnung von Zonen, wenn man großzügigerweise noch eine 4. Wellness-Zone und sich selbst als Erweiterung der lokalen Artenvielfalt mit reinrechnet? – Nur ein Vorschlag –
– Ich hatte ja eigentlich gedacht, irgendwann kommt dann mal das Ende der maximal erlaubten Zeichenanzaaaa – ach, geht doch noch weiter. Aber lassen wir das für heute.

  • Früher war hier Meer. Versteinerte Muscheln erzählen von xx Jahren Erdgeschichte. Heute, 2019, entsteht hier ein ein Meer vielfältiger Pflanzenarten, Wellenlinien von Hecken und Sträuchern. Fliessende Strukturen von Wegen und Beetbereichen bewegen sich durch den Garten, unter Bäumen hindurch, mit Höhenunterschieden wie Wellenberge. Bewegt von den Veränderungen des Jahreslaufs ein Meer von rosa Blüten: Raum für Leben. Das ist das Konzept für die Entwicklung. Fast hätte ich den Garten als PondeROSA angemeldet, denn so nenne ich mein Grundstück inkl. Haus gelegentlich. – Nein, dass hier ist keine Pferderanch und ich wandere auch nicht mit einem Lasso durch die Gartenwildnis um herauszufinden, ob man damit nicht vielleicht die Elektrosense ersetzen kann, um Strom und Lärm zu sparen. – Auch wenn das vielleicht mal ein interessantes Experiment sein könnte. – Nein: 4 Jahre Baustellenleben haben mir reichlich viel Humor abverlangt und die Assoziation der lässigen Cartwright-Jungs von Bonanza mit meiner Lieblingsfarbe Rosa ist ja nun wirklich amüsant. Zudem: (New-)Country-Musik auf den Ohren und ich presche mit der Schubkarre durchs Gelände wie die Cowboys im Galopp durch die Prärie. Auf in die Freiheit!
  • Antje Müller
  • 72514
  • Inzigkofen (Oberes Donautal)
  • Deutschland
  • 1260 qm
  • am@ananda-concepts.de

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