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Samenbau im Gemüse- und Kräutergarten

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Ich gewinne auch Samen, aber nur für Paprika, Zuckerschoten und Bohnen. Die Mengen bei der Saatgutgewinnung sind immer für hunderte Gärten und der Aufwand für unverkreuzt weitervermehrte Sorten doch recht hoch. Aber Spaß macht es trotzdem immer, Überschüsse muss man halt tauschen! Außerdem gehen mir die Zuchtziele der Erwerbsbauern auf den Senkel, weil für eine Eintragung ins Sortenregister eine gleichzeitige Abreife verlangt wird. Gut für den Bauern, der da mit dem Tercker durchfahren und auf einmal abernten möchte. Dumm für mich, der nicht alles auf einmal in die Küche tragen und sich die Nächte mit Einkochen verkürzen möchte. Daher lehne ich das besonders gleichzeitig abreifende kommerzielle F1-Saatgut konsequent ab, außerdem hat man bei samenechtem Gemüse die Macht über sein Essen!

Zur sortenreinen Paprikavermehrung: Paprika verkreuzen bei mir nicht, weil ich die schon Ende Januar vorziehe und die ersten Blüten sich im Haus Ende März bereits selbst bestäuben. Erst danach kommen sie raus ins Freie und dann dürfen die Insekten den Rest der Blüten bestäuben und kreuzen wie sie wollen. Um die sortenreinen von den verkreuzten Fruchtansätze zu unterscheiden, werden die sortenreinen vor dem Auspflanzen mit Kreppband markiert. Vor der Saatguternte wird dann noch eine Auswahl auf Größe und Geschmack gemacht. Außerdem entdecke ich da noch, falls ich etwas verwechselt habe. Ich benötige von jeder der ca. 10 Sorten bei mir im Garten nur 3-6 Pflanzen, die anderen 80% verschenke ich innerhalb der Nachbarschaft und Familie.

Als Lesetip kann ich nur wärmstens das Saatgutvermehrungsbuch von Andrea Heistinger empfehlen, das ist super! Auch lohnt es sich immer, Saatgutbörsen im Frühjahr zu besuchen!

Antje hat auf diesen Beitrag reagiert.
Antje
Zitat von Martin am 15. September 2019, 19:49 Uhr

Gezielt vermehre ich seit über zwei Jahrzehnten Tomatensorten, die bei uns im kommerziellen Handel nicht erhältlich sind.

Dieses Jahr habe ich Samen von auf dem Beet überwinterten Zuckerhut geerntet, quasi als Versuch, mir eine Auslese zu selektieren, die ich hier im Freien überwintern kann.

Und ganz gezielt habe ich in diesem Jahr Samenbau der "Söflinger Zwiebel" betrieben, einer Sorte, die nur von einer einzigen Gärtnerei in Ulm-Söflingen angebaut wird. Mein Ziel ist, diese Sorte unabhängig von dieser Gärtnerei anzubauen und zu erhalten.

Da ich überzeugt bin, daß diese alten Sorten, die für den kommerziellen Anbau nicht interessant sind, unbedingt erhalten werden müssen, bin ich seit über zehn Jahren passives Mitglied im VEN, dem Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt, kann aber aus Zeitgründen kaum aktiv werden. Ich meine aber, daß die Vielfalt der alten Nutzpflanzensorten gerade in den Ertragszonen der Hortusianer ihren Platz finden sollte.

Hallo Martin,

zwei Tomatensorten würde ich gerne selbst vermehren - aber sie stehen im Beet nebeneinander. Werden die Samen trotzdem sortenrein sein? Oder wie kann ich zur Sortenreinheit gelangen?

Ich dachte, ich frage jemand mit Erfahrung und wäre sehr dankbar für Tips, wie ich es am besten anstelle. Danke + herzliche Grüße

Uschi

@distelfink

wenn deine Tomaten sortenrein sind, keine F1 Bezeichnung haben, somit samen fest sind - ist das züchten an sich keine große Sache. Man bringt von der einen, bzw. der anderen Pflanze je zwei Blüten aufeinander, bevor dort je ein Insekt war (Windbestäubung ist bei Tomaten auch möglich, bitte beachten) und zieht dann einen Damenstrumpf (Nylon) darüber, so das auch kein Insekt mehr hinkommt.
Die Früchte die sich da heraus bilden, dessen Samen sammelst du und hast dann für Dich zunächst eine neue Sorte, wie diese dann ausfällt, wenn sie das erste mal selbst Frucht tragen - bleibt abzuwarten

Zu hegen und zu pflegen sei bereit, das Wachsen überlaß der Zeit.

Uschi hat nicht nach dem Züchten neuer Sorten gefragt, sondern nach dem Vermehren bereits (nebeneinander) stehender Sorten...

Hallo Uschi,

Tomaten sind relativ strenge Selbstbefruchter. das heißt, auch wenn sie direkt nebeneinander stehen, verkreuzen sie sich normalerweise nicht. Ich habe immer nur wenige Pflanzen pro Sorte, die dann auch alle nebeneinander wachsen. Von den mir wichtigen Sorten ernte ich dann Saatgut, um die Sorten zu erhalten. In den über 20 Jahren, die ich schon Tomatensorten vermehre (meine erste Sorte war 1996 die polnische Sorte "Bursztyn", die ich bis heute habe), hatte ich nur einmal eine Verkreuzung. Verkreuzungen vermehre ich dann natürlich nicht weiter, sondern greife auf Saatgut aus früheren Jahren zurück, in denen ich keine Verkreuzung bemerkt habe. Entsprechend bewahre ich selbst geerntetes Saatgut bei Tomaten auch bis zu zehn Jahre auf um im Falle der Verkreuzung eines Jahrgangs eine Rückversicherung zu haben.

Aber wie andere Hortusianer oben auch schon schrieben: Ganz wichtig ist, daß die Tomatensorten keine F1-Hybriden sind. Das sind Kreuzungen zweier reinerbiger Sorten, die in der ersten Filialgeneration (F1) supertoll und einheitlich rüberkommen, die man als (Hobby-)Gärtner aber nicht selbst vermehren kann, weil sich die F2-Generation dann in ihrem Erscheinungsbild aufspaltet und Eigenschaften der Elternsorten und aller möglicher Zwischenformen aufweisen kann. Will man von diesem Mix eine bestimmte Erscheinungsform haben, bleibt einem nichts anderes übrig, als über Jahre hinweg die Merkmale zu selektieren, die man haben will. Auf diese Weise entstehen nach Jahren wieder reinerbige Sorten, die dann von den Züchtern verkreuzt werden, um F1-Sorten zu erzeugen.

F1-Sorten (nicht nur bei Tomaten) sind super, wenn man eine einheitliche Ernte haben will, die viele positive Eigenschaften hat, wer aber selber Saatgut vermehren will, Sorten erhalten will, sollte F1-Sorten unbedingt vermeiden. Ich baue garantiert auch F1-Sorten an, weil ich bei Endiviensalat, Chinakohl oder anderen Kohl- und Salatarten Jungpflanzen im Gartencenter oder beim Gärtner kaufe. Da wo ich selber aber Saatgut gewinnen will, vermeide ich Pflanzenkäufe und ziehe selbst durch Aussaat reinerbige Pflanzen heran, die ich dann auch wieder selber vermehren kann.

Solltest Du weitere Fragen haben, melde Dich einfach. Ich bin gelernter Gärtner für Blumen&Zierpflanzen und Samenbau, und auch wenn ich schon lange in die Metallindustrie gewechselt habe, habe ich doch noch ein bisschen Ahnung von der Materie...

Liebe Grüße, Martin

 

Annika und Ursula Posorski haben auf diesen Beitrag reagiert.
AnnikaUrsula Posorski

Vielen Dank für die sehr hilfreichen Antworten - habe mich erst heute angemeldet + bereits beste Unterstützung gefunden!

Für das kommende Jahr hatte ich bereits sicherheitshalber nochmal Saatgut bestellt  - aber nächstes Jahr werde ich eigenen Nachwuchs anpflanzen. Ich habe mit Wildtomaten + (hoffentlich) samenfesten Sorten experimentiert und meine Lieblingssorten gefunden, die ich auf jeden Fall wieder ernten möchte.

Mit verschiedenen Chillies habe ich bereits Nachwuchs gezogen - das war sogar recht einfach, weil die Sämlinge netterweise die gewünschte Farbeigenschaft "schwarze Frucht" in der Farbe der Keimblätter gezeigt haben. Nun werde ich mich an die Tomaten herantrauen.

Ich werde mich melden, wenn ich weitere Fragen habe.

Sonnige Herbsttage + genug Regen + liebe Grüße

Uschi

 

Sag mal Martin, wenn Du das schon so lange machst, hast Du dann Erfahrungen mit dem Einbüßen der genetischen Breite gemacht? Oder anders gefragt: Hast Du dich, was das angeht, an die empfohlenen Mindestsamenträgerzahlen gehalten? Bei Tomaten sollen 6-12 Pflanzen einer Sorte vermehrt werden, um nicht in Inzucht zu gehen. Das finde ich im Hausgarten viel. Außerdem kapiere ich das bei den Selbstbefruchtern auch nicht. Wenn sie sich als Zwitterblütler innerhalb einer Blüte selbst bestäuben, dann ist es doch egal, wie viele Exemplare anbei das noch tun? Oder soll man die Saat aller 6 Pflanzen dann gemischt aufbewahren und aussäen/ weitergeben usw.?

Wir haben im Vorjahr Kohlrabi, Möhren und Feldsalat stehen gelassen. Die Blüte war eine Pracht und der Nutzen für Bestäuber deutlich erkennbar, was sich alles daran getummelt hat!! Eine Augenweide! Durch den milden Winter in Brandenburg haben es auch die Möhren zur Blüte geschafft und blühen gefühlt schon Monate (bisschen übertrieben vielleicht )! Bei den feinen Samen bin ich mir aber unsicher, wann ich diese ernten kann, damit sie sich nicht selbst aussähen. Hat jemand damit Erfahrung? Es bildet sich schon erste Körbchen, wie man es auch von der Wilden Möhre kennt. Sicherheitshalber hatte ich auch schon davor welche geerntet, sind diese aber genug ausgereift? Man findet zur Saatgutvermehrung nicht viele Tipps, könnt ihr gute Literatur empfehlen? Wisst ihr, ob man die Samen der genannten Gemüse, auch Radieschen, Rauke etc. einer Kältebehandlung unterziehen muss, damit sie später keimfähig sind?

Ich komme gerade von einem Besuch beim professionellen Saatgutanbauer.

Er hat darauf hingewiesen, dass Kohlarten niemals gleichzeitig blühen dürfen, da sie sich dann verkreuzen. Daraus ist bei ihm vor Jahren mal ein roter Grünkohl entstanden. (Sieht übrigens richtig cool aus.)

Außerdem wies er auf ein Problem bei der Möhrenvermehrung hin, das vermutlich im Hortus nicht ganz abwegig ist. Stehen im Umkreis (ca. 300 m) der blühenden Kulturmöhren auch wilde Möhren kreuzen sich diese sehr gern ein und verändern das Saatgut nachteilig.

Bei meinen Erbsen hatte ich im letzten Jahr selbst eine Verkreuzung zwischen Markerbsen und Schalerbsen. War in diesem Fall aber positiv, weil sie jetzt viel besser mit unserem Boden und den Temperaturen im Frühjahr klar kommen. Schmecken tun sie noch genauso gut. Sie sind jetzt nur nicht mehr für die Verwendung als Zuckerschoten geeignet. Allerdings war ich da noch nie ein großer Fan von.

Mal schauen, was in diesem Jahr bei den Stangenbohnen (bunte Riesenbohnen und Feuerbohnen), den Buschbohnen (Sanguinos) - alle schon im 2. bzw. 3. Jahr selbst nachgezüchtet und den Dicken Bohnen (1. Versuch) herauskommt.

Dorfgärtner hat auf diesen Beitrag reagiert.
Dorfgärtner

Ich hab dieses Jahr Stangenbohnen aus einer alten Familiensorte angebaut. Wachsen und blühen tut sie schon mal super, wenn die Früchte (Bohnen) auch so toll werden werd ich ganz sicher welche ausreifen lassen und als Familiensorte weiter anbauen. Ich finde es ganz wichtig alte Familiensorten zu erhalten. Ich kaufe viele Samen bei VEN Saatgut, die setzen sich sehr dafür ein. Das es zu Kreuzungen kommen kann muss nicht immer schlecht sein, vielleicht ist das dann die "Familiensorte" die nur du hast. Die vielen Tomatensorten sind sicher auch so entstanden. Bei Kürbis, Zucchinis und Gurken bin ich da sehr vorsichtig, die wachsen daher bei mir weit auseinander um möglichst eine Verkreuzung zu minimieren. Verhütet hab ich sie seither noch nicht, die Wäscheklammer-Methode ist mir bekannt, wohl fehlt die Zeit.

Dorothee und Dorfgärtner haben auf diesen Beitrag reagiert.
DorotheeDorfgärtner
Viele Gärtner haben eine Meise
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